Franzosen küssen besser

Die Villa Wildsee ist echt ein Hotel zum Knutschen! Und Lilly würde es ja auch gefallen, mit Papa Frank, Opa Hinnerk und dem Zwergpony Elvis den Laden zu schmeißen. Aber leider gehört auch Angela, die neue Freundin ihres Vaters, zum Team. Und – was Lilly noch viel nerviger findet – ihre beiden Söhne: Ludger, der Esoterik-Freak, und Valentin, der Computer-Nerd.
Zum Glück gibt es da noch Philipp, der morgens immer die Brötchen liefert, und Lillys Freundinnen Vanessa und Wiebke. Und als endlich die ersten Gäste eintreffen, ist nur noch eine Frage wichtig: Welche von den dreien wird wohl zuerst einen echten Franzosen küssen?

Martina Sahler FRANZOSEN KÜSSEN BESSER 192 Seiten EUR 9,90   ISBN 978 3 522 50032 6

 

Leseprobe

Ein schriller Pfiff unten auf dem Hof lässt uns aufhorchen. 
Ich laufe ans Fenster, öffne es und strecke den Kopf heraus. Da unten steht Malte und grinst, die Hände in den Hosentaschen vergraben, zu mir herauf. Ganz allein. Malte? Ob der dichten kann? 
„Hi, Lilly, ist Wiebke bei dir?“
Nein, da reimt sich nichts.
„Nun geh schon!“ Vanessa schiebt Wiebke quasi durch die Tür, während ich vom Fenster aus zu Malte hinabrufe: „Sie kommt runter zu dir!“
„Okay!“, ruft er zurück und kickt lässig gegen einen herumliegenden Stein.

Vanessa und ich hängen am Fenster und schauen hinaus, als wollten wir die herrliche Landschaft genießen. In Wahrheit möchten wir natürlich nur kein Wort verpassen von dem, was die beiden da unten belabern.
Aber wir hören nur Satzfetzen und einzelne Worte. Anscheinend überlegen sie, was sie denn miteinander unternehmen wollen, und schließlich gehen sie in Richtung See und wir sehen, wie sie sich in ein Ruderboot setzen und lospaddeln.
„Wie romantisch“, zischt Vanessa ergriffen. „Sollen wir hinterher?“
„Bist du verrückt? Wie sollen wir das anstellen, ohne dass sie uns bemerken?“
Das Boot wird immer kleiner und schließlich verlieren wir es aus den Augen.
Vanessa seufzt. „Jetzt sind sie verschwunden.“
Mir fällt das Fernglas ein, das Opa mir geschenkt hat, als ich kleiner war und einmal mit ihm eine Tagestour auf dem Containerschiff mitmachen durfte.
„Was siehst du, was siehst du?“, zischt Vanessa mir zu, als ich meine Brille abgenommen habe und den See mit dem Feldstecher überblicke.
„Sie sind weg! Wie vom See verschluckt!“, erwidere ich hektisch. „Ganz plötzlich!“
„Lass mich mal!“ Vanessa schnappt mir das Glas aus der Hand weg.
„Na?“ Ich wibbele unruhig neben ihr. „Meinst du, sie sind gekentert?“
„Quatsch!“, erwidert Vanessa. „So schnell kentert doch ein Boot nicht. Und wenn, dann würden wir sie plantschen sehen. Da!“ schreit sie, und sofort übernehme ich wieder das Glas.
Vanessa deutet mit dem Finger in die Richtung der Weide am anderen Seeufer. „Guck mal zwischen den Ästen! Sie haben sich ein Liebesnest gesucht! Siehst du? “
Ich kichere. „Tatsächlich! Mist. Man kann nur eine Ecke des Bootes sehen! Die Äste und Blätter sind zu dicht!“
Eine Weile noch wechseln wir uns ab mit dem Fernglas, aber das Boot rührt sich nicht mehr von der Stelle. So können wir uns nur in unserer Fantasie ausmalen, was Wiebke und Malte da unter dem Blätterdach machen.
Eine Viertelstunde später tauchen sie wieder auf. Was die wohl erlebt haben? Ich darf nicht vergessen, meiner Mom davon zu erzählen. Solche Geschichten liebt die ja. Und ich bin echt gespannt, ob sie sich dazu eine Lovestory ausdenken kann. „Da sind sie!“, zischt Vanessa, das Glas an die Augen gedrückt. „Die sehen genau so aus wie vorher!“
„Was hast du erwartet? Dass sie sich in der Wildnis zu Werwölfen verwandeln?“
„Nee, das nicht! Aber man sieht das doch, wenn man geknutscht hat!“
„Hä? Wie kommst du denn darauf? Bist du sicher?“
„Absolut! Ich wette mit dir, zwischen den beiden ist nichts gelaufen! Wahrscheinlich hat Malte so eine zusammenklappbare Angel ausgepackt und sie haben gemeinsam darauf gewartet, dass ein Fisch anbeißt. Sonst nichts.“
Ich halte mir den Bauch vor Lachen. „Das glaube ich nie und nimmer! Um was wollen wir wetten, dass sie sich geküsst haben?“
Vanessa reicht mir das Fernglas, damit ich mich selbst davon überzeugen kann, wie erschreckend alltäglich unsere Freundin aussieht. „Wer verliert, muss dem anderen ein Eis ausgeben. In der Bäckerei Hinrichsen im Dorf.“
„Okay“, stimme ich zu, während ich nun zuschaue, wie Malte Wiebke aus dem Boot hilft und die beiden auf die Villa zugehen. Sie fassen sich nicht an den Händen, was ich für ein schlechtes Zeichen halte. Schnell überschlage ich im Geiste, wie viel Taschengeld mir für den Rest des Monats noch bleibt, falls ich die Wette tatsächlich verlieren sollte.
Dann springen wir die Treppen hinab, um unserer Freundin entgegenzulaufen. Malte hat sie jetzt lange genug für sich alleine gehabt, finden wir. So passen wir sie ab, kurz bevor sie den Eingang erreichen.
„Hey, Wiebke!“, ruft Vanessa betont fröhlich. „Wo wart ihr denn bloß! Wir haben schon gedacht, ihr seid gekentert oder von einem Seeungeheuer gefressen worden!“
„Woher weißt du denn, dass wir auf dem See waren?“, fragt Wiebke erstaunt.
„Äh!“ Vanessa wechselt hilflos einen Blick mit mir.
„Ist doch klar bei dem schönen Wetter!“, erkläre ich schnell, aber ganz überzeugt ist Wiebke nicht.
„Wir wollten fragen, ob du mit auf ein Eis ins Dorf kommst“, sagt Vanessa schnell.
Malte blickt zwischen uns Mädchen hin und her und merkt wohl, dass es Zeit ist, sich zu verabschieden. „Sehen wir uns heute Abend noch?“, fragt er Wiebke.
„Bestimmt“, sagt sie und lächelt zaghaft. „See you.“
Er hebt die Hand. „Bis später!“ und verschwindet in der Villa.
Wir drei Freundinnen stehen dicht beieinander. Vanessa und ich starren Wiebke an und recken dabei die Köpfe vor, ohne ein Wort zu sagen.
Wiebke blickt zwischen uns hin und her, hebt beide Arme. „Was ist los mit euch?“
„Nun sag schon!“, rufen wir beide wie aus einem Mund.
„Was?“
„Hat er dich geküsst?“, fragt Vanessa voller Ungeduld.
Wiebke holt tief Luft, dann grinst sie, und es sieht aus, als würde sie fast platzen vor lauter Freude. Aber sie sagt: „Geht euch das was an?“
„Aber selbstverständlich!“, rufen Vanessa und ich wieder wie aus einem Mund.
„Also gut.“ Noch einmal holt sie tief Luft. „Ja.“ Jetzt strahlt sie übers ganze Gesicht.
Aus Vanessa und mir fährt die Anspannung wie aus zwei Reifen die Luft. Dann lächele ich. „Wow.“
Vanessa verzieht den Mund. „Na toll.“ Sie greift in die hintere Tasche ihrer Jeans, zieht einen Fünf-Euro-Schein hervor und betrachtet ihn wehmütig. 
„Hm, ich hab heute Lust auf einen Riesen-Kirschbecher!“, rufe ich und laufe den anderen voran zu den Fahrrädern. „Kommt ihr? Und unterwegs musst du uns alles erzählen! Du darfst nichts vergessen, Wiebke!“